Die Erfindung der Pressefotografie

Aus der Sammlung Ullstein 1894-1945

von Torsten Neuendorff  0

Was zeigt eine Illustrierte? Eine Publikumszeitschrift zielt auf den 'general interest'. Den traf die 'Berliner Illustrirte Zeitung' in den zwanziger Jahren auf eine Art und Weise, dass BIZ-Fotografien heute in den großen Kunstmuseen der Welt verwahrt werden, aber auch im Ullstein Bildarchiv, aus deren Originalen die Ausstellung bestückt ist. Von der Gründerzeit bis zum Nationalsozialismus existierte eine Kultur des Spektakels und die BIZ popularisierte eine moderne Bildsprache. Allerdings nicht durchgängig, sondern in dem Mix, für den in den Redaktionen ein sogenannter 'künstlerischer Beirat' zuständig war. Durch den Wochenrythmus des Erscheinens konnten Fotos gedruckt werden, deren Nachrichtenwert zwar schon verblasst war, die aber noch nicht von der Tagespresse genutzt wurden, genauso wie Studio-Aufnahmen z.B. Modeaufnahmen, als 'best of' aus einem ganzen Produktionszyklus. In einer Ausgabe der 'Berliner Illustrirten Zeitung' konnte die Amateur-Aufnahme eines Brandes, neben einer Aufnahme mit Plattenkamera stehen und dazu noch ein Foto von London New Agency. Es entstand ein Wettrennen zwischen Fotografen. Der Ullstein-Verlag baute gestützt auf seine Umsätze und seine Marktmacht 'inhouse' die gesamte Expertise auf: eine Foto-Transport-Kette bis hin zur Klischee-Herstellung für den millionenfachen perfekten Druck. Wie sehr nach dem 'starken' Bild gesucht wurde, zeigt die Ausstellung in mehreren 'vorher/nachher' Installationen: links liegt ein eher leeres Foto als Motiv-Baustein, rechts sieht man komprimiert durch Montage das 'druckreife' Bild. Ullstein Bild ist heute eine der großen Universal-Bildagenturen in Berlin mit mehr als drei Millionen Bildern. Weltweit haben Fotoagenturen Probleme rentabel zu arbeiten, die Konservierung historischer Bestände ist nicht gesichert, Agenturen wie Magnum versuchen, Pressefotografie als Sammler-Objekt zu etablieren. Die Methoden des Springer-Verlages sorgten für Skandale der bundesrepublikanischen Demokratie-Geschichte. Der Axel Springer Verlag hat Ullstein Bild gekauft, insofern ist Axel-Springer-Syndication der Bildlieferant der Geschichtsausstellung. Die Fotografie hat Eingang in die Populärkultur gefunden, die kritische Lektüre aber noch nicht.  (tn) freier Eintritt nur kurz vor der Schließzeit   Deutsches Historisches Museum  bis  31. Oktober

Führungen in deutsch und englisch

Die Entstellung der Pressefotografie. Pressebild und Bildpresse im Nationalsozialismus
Harriet Scharnberg,  Mi.  27. 9. Auditorium  18 Uhr
 
Die verkannte Avantgarde. Frühe Pressefotografie in der Berliner Illustrirten Zeitung
Dr. Enno Kaufhold, Mi.  25.10. Auditorium  18 Uhr
 

S. Leinemann  zum Übergang der 'Berliner Illustrirten Zeitung' in den Nationalsozialismus

K. Hübner im tsp

vgl. Deutsches Pressemuseum  in Berlin

 

Foto oben: vermeintliche Nähe und Unmittelbarkeit in der Reportage von Waldemar Tietzenthaler, nicht Kasernenhofton und Untertanengeist werden fotografiert, sondern humorvoll, geradezu filmreif, wird das Wecken der Manschaft inszeniert  (tn)
©  President and Fellows of Harvard College

 

 

Foto: das Brandenburger Tor dient als Schießstand, parallel zum Gewehr blickt der Fotograf, gefährlicher wäre es gewesen, sich zu den Aufständigen zu stellen, dann wäre der Fotograf in der Schusslinie gewesen, aber vantage point und Vordergrund-Hintergrund-Perspektive stimmen  (tn) das Foto wird mit vielen Unterschfriften publiziert, hier: Regierungstruppen auf dem Brandenburger Tor 1919  Walter Gircke © Ullstein Bild / springer syndication
 
 
 
 

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