Kriegsalltag und Abenteuerlust

Kriegsfotografinnen in Europa 1914-1945

von Torsten Neuendorff  0
 
 
Es soll im ersten Weltkrieg Frauen gegeben haben, die haben sich in Deutschland auf die Schienen gelegt, um die Militärzüge zu stoppen, damit ihre Söhne nicht als Kanonenfutter zur Front gebracht werden. Alle Mechanismen, die dazu geführt haben, dass davon keine Fotos überliefert wurden, sind interessant, denn sie zeigen das Funktionieren von Staatsmacht. Warum dieser Tatsache nicht in der Ausstellung ein weißes Blatt widmen? Die angebliche Kriegsbegeisterung 1914 in Berlin war wohl begrenzter als früher in der Schule unterrichtet wurde - so die neuere Geschichtsforschung.
Es gibt Fotos von den tiefgreifenden Zerrüttungen, mit denen der Krieg nach 1918 in die Gesellschaft schnitt: Männer als Krüppel - Männer 'als Schatten ihrer selbst' bei ihrer Rückkehr von der Front. In Berlin sind bis 1918 mehr Menschen an der Hungersnot gestorben als an der Front gefallen sind. Den Hunger haben Frauen bewältigt, Kriegsverwundete standen vor ihren Ehefrauen und Töchtern. Wer hat da fotografiert? Einen solchen existentiellen emotionalen Tiefpunkt durch ein Foto zu 'verewigen' hätte eine große emotionale Kraft und Mut erfordert.
Das Verständnis von Krieg in der Ausstellung ist enger gefasst. Es ergibt sich ein Bild von Kriegsvorbereitung - zum Beispiel Frauen die Munition befüllen - und heldische Kriegspropaganda der Sowjetuniom, sowie Kriegsfolgen z.B. das englische Erste-Hilfe-Auto der Mairi Chisholm und Elsie Knocker 1917 und nach dem 2. Weltkrieg Ruinen in Rotterdam
Die Lektüre der Fotos in der Ausstelung ist eine Herausforderung. Um eine Betrachtung zu ermöglichen, musste von den Fotografinnen eine visuelle Ordnung hergestellt werden. Betrachten wir eher diese visuelle Ordnung als die dahinter liegende ungeordnete Realität?
Das Verborgene Museum nimmt die konkrete Autorenschaft zum Ausgangspunkt. Hier liegt die große Chance. Wenn den Fragen dieser Ausstellung weiter nachgegangen wird, sei es durch Nachfahren oder wissenschaftlich, werden wir über die fotografische Praxis der Fotografinnen der Weltkriege genauso viel wissen wie der derzeit über Robert Capa oder Lee Miller.  (tn)  Verborgenes Museum  bis  11. Februar
 

siehe auch N. Khomani im  Guardian  zur aktuellen Ausstellung 'No man's land. Women's Photography and the First World War'

Eva Besnyö

Natalja Bode
Christina Broom
Käthe Buchler
Mairi Chisholm
Olive Edis
Vera Elkan
Florence Farmborough
Ruth Hallensleben
Elsie Knocker
Germaine Krull
Olga Lander
Olga Lander
Alice Schalek
Ilse Steinhoff
Gerda Taro
Edith Tudor-Hart (Suschitzky)
 
 
 
Foto: Artikel zum Tod der Fotografin Gerda Taro © time Magazine

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