Jubiläum des Matrosenaufstands von 1918

Kieler Stadtarchiv

von Torsten Neuendorff  0

Bekanntestes Foto zum Matrosenaufstand stammt aus Berlin

 

Das Foto eines Demonstrationszugs von Matrosen im Jahr 1918 gilt als wichtigstes Dokument zu den Revolutionsereignissen in Kiel. Seit Jahrzehnten wird das Foto zur Illustration des Matrosenaufstands genutzt. Jetzt steht fest: Das Foto wurde in Berlin gemacht.

(...) Bereits 2009 wurde vom Kieler Stadtarchiv recherchiert, dass das Foto schon 1918 in einer Broschüre erschienen war: Erich Kuttner, in Berlin ansässiger Redakteur des „Vorwärts“, hatte eine kleine Veröffentlichung von 30 Seiten unter dem Titel „Von Kiel bis Berlin. Der Siegeszug der deutschen Revolution“ herausgebracht. Dort findet sich das Foto ohne Bildunterschrift auf Seite 14, über der Überschrift des vierten Kapitels: „Die Revolution in Kiel“. Daher wurde das Bild später Kiel zugeschrieben.

Verdacht weckte die Aufnahme damals schon, da alle übrigen illustrierenden Aufnahmen der „Vorwärts“-Broschüre aus Berlin stammten. Auch das ungewöhnliche Fotoformat ließ darauf schließen, dass es sich höchstwahrscheinlich um einen Bildausschnitt handeln könnte.

Der Druck bei Kuttner gab offenbar die erste Vorlage für die mittlerweile vielfach reproduzierte Aufnahme her. Dafür spricht die in allen Überlieferungen erkennbare Grobkörnigkeit der Aufnahme, der dadurch Schärfe und Detailgenauigkeit fehlen. In dieser Form kam es auch als Vorlage ins Stadtarchiv Kiel, wo es die Signatur 47200 trägt.

Ende 2014 hat Matthias Sperwien, ein aufmerksamer Benutzer des Stadtarchivs, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Stadtarchivs den richtigen Weg zur Originalaufnahme gewiesen. Er hatte das Buch „Revolution und Fotografie. Berlin 1918/19“ aus dem Jahr 1989 durchgesehen. Dort fand er eine Reihe von Aufnahmen des großen Trauerzugs, der am 20. November 1918 in Berlin für acht Opfer der Novemberrevolution stattfand. Drei der Bilder erinnerten ihn vom Aufnahmestandpunkt und vom Straßenverlauf an das vermeintliche Kieler Foto.

Das Stadtarchiv hat daraufhin den Bildnachweis überprüft und festgestellt, dass die hier veröffentlichte Aufnahmeserie aus dem Bildarchiv des Bundesarchivs in Koblenz stammte. Das Stadtarchiv wandte sich mit der Frage an das Bundesarchiv, ob sich weitere Fotos in dieser Bildserie befanden und ob sich zufällig das vermeintliche Kieler Foto dort identifizieren lasse.

Kurze Zeit später teilte der Leiter des Bundesbildarchivs, Dr. Oliver Sander, mit, dass das gesuchte Foto gefunden sei. Es trägt die Signatur Bild 146-2015-0016, ist in der Datenbank des Bildarchivs vorhanden und kann online abgerufen werden.

Das Bild wurde vom Fotografen Robert Sennecke (1885-1940) aufgenommen. Sennecke betrieb in Berlin eine Pressebildagentur und hielt die politischen Ereignisse des Jahres 1918 fotografisch fest.

Das Foto trägt den Originaltitel „Der Trauerzug passiert das Hallesche Tor“. Der Trauerzug vom 20. November 1918 war die größte Demonstration, die Berlin bis zum damaligen Zeitpunkt gesehen hatte. Die Teilnehmerzahl an der Strecke wurde auf 100.000 Menschen geschätzt. Der Trauerzug hatte sich zu Beginn auf dem Tempelhofer Feld versammelt, wo Ansprachen gehalten wurden. Anschließend zog der Zug etwa zwölf Kilometer durch die Stadt bis zum Friedhof der Märzgefallenen in Friedrichshain, wo die acht Toten bestattet wurden. Auch eine Sonderkompanie von Matrosen nahm am Trauerzug teil.

Das besagte Foto zeigt den Trauerzug am Halleschen Tor. Der Fotograf wendet dem Halleschen Tor den Rücken zu und steht an der Belle-Alliance-Brücke (heute Hallesche-Tor-Brücke) über den Landwehrkanal, die der Zug überqueren wird. Der Blick geht über den Blücherplatz (heute Blücherplatz/Waterlooufer) auf den Trauerzug, der aus der Belle-Alliance-Straße (heute ebenfalls Blücherplatz) kommt. Bei den abgebildeten Matrosen handelt es sich mit höchster Wahrscheinlichkeit um Mitglieder der bereits erwähnten Sonderkompanie.

Im Ergebnis ist die Zuschreibung des Bildes zur Revolution in Kiel falsch. Es zeigt eindeutig Berlin und kann nicht mehr als Illustration für die Kieler Ereignisse herangezogen werden. Für die weitere Vorbereitung des Jahrestages 2018 ist diese Feststellung wichtig: Sie erinnert an die Bedeutung der historischen Quellenkritik, die insbesondere auch auf Bilddokumente anzuwenden ist. Diese Quellenkritik steht für die überlieferten Dokumente aus Kiel im Jahr 1918 erst am Anfang. "Die Geschichte muss nicht neu geschrieben werden, aber das Bild kann als Illustration für die Ereignisse in Kiel nicht mehr verwendet werden. Es erfüllt mich mit Wehmut, aber es ist in dem Fall richtig. Denn ich bin froh, um jedes Bild, dessen Herkunft wir klären können", so Dr. Johannes Rosenplänter, Leiter des Kieler Stadtarchivs.

Jubiläum in Kiel

PS: die Verbindungen des Matrosenaufstands zu Berlin sind auch sonst enger als gedacht:

  • Der Bruder von Wilhelm II lebte in Kiel: Prinz Heinrich hatte schon als Kind einen Schiffsmast mit Segeln und Strickleitern im Neuen Palais in Potsdam, weil er zum Matrosen ausgebildet werden sollte. Aus Sicherheitsgründen flüchtete er während des Matrosenaufstands aus Kiel - seine Autofahrt nach Berlin war abenteuerlich.
  • Vizeadmiral Wilhelm Souchon telegrafierte während des Aufstands nach Berlin, um Hilfe anzufordern, hier stand das Reichsmarineamt.
  • Matrose Max Reichpietsch, der schon 1917 wegen Meuterei mit 23 Jahren hingerichtet wurde, war in Charlottenburg geboren und christlich erzogen. Sein Heimaturlaub gab ihm die Chance, Kontakte zu Kriegsgegnern aufzunehmen.  (tn)

 

 

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